Health & Wellness

Länger leben: Wie Museumsbesuche das Sterberisiko senken könnten

Mit einem Hobby können wir Stresshormone senken und möglicherweise das Sterberisiko beeinflussen. Was die Forschung über Kunst, Museumsbesuche und gesundes Altern herausgefunden hat.

Überraschende Forschung Die Kunst, länger zu leben

Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung übernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Mit einem Hobby können wir Stresshormone senken und möglicherweise das Sterberisiko beeinflussen. Was die Forschung über Kunst, Museumsbesuche und gesundes Altern herausgefunden hat.

Was haben ein Museumsbesuch, ein niedrigerer Cortisolspiegel und ein langes Leben miteinander zu tun? Beim Thema gesundes Altern denken wir an Bewegung, Ernährung, Schlaf, Blutdruck, Cholesterin oder möglichst wenig Stress. Doch niemand schreibt auf seinen Präventionsplan: Öfter ins Museum gehen! Höchste Zeit, damit anzufangen!

Dr. med. Yael Adler ist Fachärztin für Dermatologie, Venerologie, Phlebologie und Ernährungsmedizin (DGEM). Außerdem ist sie Präsidentin der German Society of Anti-Aging Medicine (GSAAM). Ihre Bücher "Haut nah" und "Darüber spricht man nicht" standen auf Platz 1 der "Spiegel"-Bestsellerliste. Ihr neuestes Buch "Genial ernährt! – Klüger essen, entspannter genießen, besser leben" wurde 2025 veröffentlicht. Mehr zu Yael Adler.

Es stimmt, seit einiger Zeit beschäftigt sich ein spezielles Forschungsfeld mit der Frage, was Kunst mit unserem Körper macht. Hier geht es dieses Mal nicht um kosmetische Arbeiten an der Außenfassade: Forscher messen Stresshormone, Herzfrequenz, autonomes Nervensystem und sogar Entzündungsbotenstoffe, während Menschen sich der Kunstbetrachtung hingeben.

20 Minuten Kunst – und der Körper reagiert

Für eine in diesem Jahr veröffentlichte Studie ließen Wissenschaftler fünfzig gesunde Erwachsene zwischen 18 und 40 Jahren für etwa zwanzig Minuten Kunst betrachten.

Eine Gruppe sah Originalgemälde in einer Galerie, die andere hochwertige Reproduktionen in einer Laborsituation. Vorher und nachher wurde Speichel untersucht, während der Kunstbetrachtung wurden Herzratenvariabilität und Hauttemperatur aufgezeichnet.

Und tatsächlich reagierte der Körper. In der "Galeriegruppe" sank das Stresshormon Cortisol um etwa 22 Prozent, übrigens auch der Entzündungsbotenstoff Interleukin-6, kurz IL-6, um rund 30 Prozent. Begleitend schwankte die Herzratenvariabilität stärker. Sie gilt als Marker dafür, wie flexibel das autonome Nervensystem die Herzaktivität reguliert

Bei der Gruppe, die dieselben Bilder als Reproduktionen im nüchterneren Labor betrachtete, fand sich dieses koordinierte Muster nicht. Möglicherweise registriert unser Organismus also nicht nur, was wir anschauen, sondern auch, wo und wie wir es tun.

Das ist biologisch durchaus plausibel. Kunstbetrachtung ist für unser Gehirn Arbeit. Es analysiert Farben, Formen, Kontraste und räumliche Strukturen. Aufmerksamkeitsnetzwerke werden aktiv. Erinnerungen und Assoziationen entstehen, emotionale Systeme bewerten das Gesehene. Ein Bild kann uns irritieren, berühren, faszinieren oder in Staunen versetzen.

Hier wird es für die Medizin interessant, denn unser Gehirn, das autonome Nervensystem, das hormonelle Stresssystem und unser Immunsystem kommunizieren miteinander. Chronischer psychosozialer Stress kann so körperliche Prozesse beeinflussen. Umgekehrt können Situationen, die Sicherheit, positive Emotionen und Erholung fördern, unsere Stressregulation verändern. Das bedeutet nicht, dass eine Entzündung mit einem Museumsbesuch behandelt werden kann. Aber Kunst könnte einen Zustand erzeugen, in dem unser Organismus Stress kurzfristig anders reguliert.

Vorsicht: Die neue Studie ist faszinierend, aber klein. 25 Menschen pro Gruppe reichen nicht, um daraus medizinische Therapieempfehlungen abzuleiten. Trotzdem passt das Ergebnis zu einer inzwischen gewachsenen Forschungsliteratur.

Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit zu den Auswirkungen der Kunstbetrachtung vermerkt, dass in fast allen Studien, die subjektiven Stress untersuchten, dieser nach der Kunstbetrachtung zurückging. Auch der systolische Blutdruck (der obere Messwert) wurde gesenkt. Beim Stresshormon Cortisol dagegen waren die Ergebnisse bislang uneinheitlich. Wir dürfen also sagen: Es mehren sich Hinweise darauf, dass Kunstbetrachtung Stress und physiologische Stressreaktionen beeinflussen kann. Wir dürfen noch nicht sagen: Picasso senkt zuverlässig den oben erwähnten Entzündungsbotenstoff IL-6.

Auch die WHO beschäftigt sich mit Kunst

Dass das Thema längst nicht mehr nur eine hübsche Wellnessidee ist, zeigt ein Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Mehr als 900 Publikationen flossen in den WHO-Bericht ein, darunter Reviews, systematische Übersichtsarbeiten und Metaanalysen, die ihrerseits wiederum mehr als 3.000 Studien umfassten. Untersucht wurden ganz unterschiedliche Formen von Kunst: Musik, Tanz, Theater, Literatur, Museumsbesuche und bildende Kunst – sowohl aktives Gestalten als auch das Erleben von Kunst. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass künstlerische Aktivitäten in verschiedenen Bereichen von Prävention und Gesundheitsförderung sowie begleitend bei Erkrankungen eine Rolle spielen können.

Kunst ist also längst Forschungsgegenstand der Medizin. Und nun wird es richtig spannend: Leben Kunstliebhaber länger? Britische Forscher begleiteten dazu 6.710 Frauen und Männer über 50 etwa 14 Jahre lang und erhoben, wie häufig sie Museen, Kunstgalerien und Ausstellungen, Theater, Konzerte oder Opern besuchten. Menschen, die solche Kulturangebote nur ein- oder zweimal pro Jahr wahrnahmen, hatten im Beobachtungszeitraum ein um 14 Prozent niedrigeres Sterberisiko als Menschen, die dies nie taten. Bei denjenigen, die alle paar Monate oder häufiger kulturell aktiv waren, war das Sterberisiko statistisch sogar um 31 Prozent niedriger.

Klingt nach einem Rezept: Museum statt Medizin?

Lässt sich daraus folgern: Museum statt Medizin? Natürlich nicht. Hier kommt die berühmte Frage nach Henne und Ei ins Spiel. Denn diese Studie war eine Beobachtungsstudie. Menschen, die mit 70 regelmäßig ins Theater und ins Museum gehen, sind möglicherweise von vornherein gesünder. Sie sind mobiler, haben vielleicht mehr Geld und Bildung und verfügen über mehr soziale Kontakte. Statistische Verfahren können viele dieser Unterschiede berücksichtigen – aber niemals alle. Deshalb dürfen wir wissenschaftlich korrekt nicht sagen: Kunst verlängert das Leben um 31 Prozent. Was wir sagen können: regelmäßige kulturelle Teilhabe ist in großen Langzeitdaten mit einer niedrigeren Mortalität verbunden.

Es gibt plausible Mechanismen, die einen Teil dieses Zusammenhangs erklären könnten. Ein Museumsbesuch etwa ist ein erstaunliches Gesamtpaket: Man verlässt die Wohnung, geht ein Stück zu Fuß. Man sieht Neues. Das Gehirn muss interpretieren und lernen. Vielleicht geht man mit einem Freund und diskutiert anschließend darüber. Wir bewegen uns, lernen und begegnen anderen Menschen.

Ein Faktor, den die Medizin unterschätzt

Somit vereint Kunst gleich mehrere Faktoren, die für gesundes Altern interessant sind: kognitive Stimulation, Emotionen, Stressregulation, soziale Teilhabe und häufig auch körperliche Aktivität. Dazu kommt ein Faktor, den die Medizin manchmal unterschätzt – Staunen: Kunst kann unsere Aufmerksamkeit für einen Moment aus dem alltäglichen Gedankenkarussell herausziehen. Das Gehirn bekommt Neues zu tun.

Und vielleicht liegt darin ein Teil der Wirkung von Kunst: Sie unterbricht Gewohnheit, erzeugt Neugier, fordert Interpretation oder löst Emotionen aus. Und manchmal verbindet sie uns mit anderen Menschen.

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Natürlich ersetzt ein Museumsbesuch weder Krafttraining noch Gemüse, Schlaf oder Blutdrucktabletten. Aber Longevity bedeutet eben nicht nur, möglichst lange nicht zu sterben. Es bedeutet, möglichst lange körperlich, geistig und sozial am Leben teilzunehmen. Vielleicht sollten wir deshalb unsere Vorsorge etwas erweitern: Werden Sie älter mit Kunst und kommen Sie gesund durch die Zeit!

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Die Informationen ersetzen keine ärztliche Beratung und dürfen daher nicht zur Selbsttherapie verwendet werden.

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20 Minuten Kunst – und der Körper reagiert

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Und tatsächlich reagierte der Körper. In der "Galeriegruppe" sank das Stresshormon Cortisol um etwa 22 Prozent, übrigens auch der Entzündungsbotenstoff Interleukin-6, kurz IL-6, um rund 30 Prozent. Begleitend schwankte die Herzratenvariabilität stärker. Sie gilt als Marker dafür, wie flexibel das autonome Nervensystem die Herzaktivität reguliert

Bei der Gruppe, die dieselben Bilder als Reproduktionen im nüchterneren Labor betrachtete, fand sich dieses koordinierte Muster nicht. Möglicherweise registriert unser Organismus also nicht nur, was wir anschauen, sondern auch, wo und wie wir es tun.

Das ist biologisch durchaus plausibel. Kunstbetrachtung ist für unser Gehirn Arbeit. Es analysiert Farben, Formen, Kontraste und räumliche Strukturen. Aufmerksamkeitsnetzwerke werden aktiv. Erinnerungen und Assoziationen entstehen, emotionale Systeme bewerten das Gesehene. Ein Bild kann uns irritieren, berühren, faszinieren oder in Staunen versetzen.

Hier wird es für die Medizin interessant, denn unser Gehirn, das autonome Nervensystem, das hormonelle Stresssystem und unser Immunsystem kommunizieren miteinander. Chronischer psychosozialer Stress kann so körperliche Prozesse beeinflussen. Umgekehrt können Situationen, die Sicherheit, positive Emotionen und Erholung fördern, unsere Stressregulation verändern. Das bedeutet nicht, dass eine Entzündung mit einem Museumsbesuch behandelt werden kann. Aber Kunst könnte einen Zustand erzeugen, in dem unser Organismus Stress kurzfristig anders reguliert.

Vorsicht: Die neue Studie ist faszinierend, aber klein. 25 Menschen pro Gruppe reichen nicht, um daraus medizinische Therapieempfehlungen abzuleiten. Trotzdem passt das Ergebnis zu einer inzwischen gewachsenen Forschungsliteratur.

Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit zu den Auswirkungen der Kunstbetrachtung vermerkt, dass in fast allen Studien, die subjektiven Stress untersuchten, dieser nach der Kunstbetrachtung zurückging. Auch der systolische Blutdruck (der obere Messwert) wurde gesenkt. Beim Stresshormon Cortisol dagegen waren die Ergebnisse bislang uneinheitlich. Wir dürfen also sagen: Es mehren sich Hinweise darauf, dass Kunstbetrachtung Stress und physiologische Stressreaktionen beeinflussen kann. Wir dürfen noch nicht sagen: Picasso senkt zuverlässig den oben erwähnten Entzündungsbotenstoff IL-6.

Auch die WHO beschäftigt sich mit Kunst

Dass das Thema längst nicht mehr nur eine hübsche Wellnessidee ist, zeigt ein Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Mehr als 900 Publikationen flossen in den WHO-Bericht ein, darunter Reviews, systematische Übersichtsarbeiten und Metaanalysen, die ihrerseits wiederum mehr als 3.000 Studien umfassten. Untersucht wurden ganz unterschiedliche Formen von Kunst: Musik, Tanz, Theater, Literatur, Museumsbesuche und bildende Kunst – sowohl aktives Gestalten als auch das Erleben von Kunst. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass künstlerische Aktivitäten in verschiedenen Bereichen von Prävention und Gesundheitsförderung sowie begleitend bei Erkrankungen eine Rolle spielen können.

Kunst ist also längst Forschungsgegenstand der Medizin. Und nun wird es richtig spannend: Leben Kunstliebhaber länger? Britische Forscher begleiteten dazu 6.710 Frauen und Männer über 50 etwa 14 Jahre lang und erhoben, wie häufig sie Museen, Kunstgalerien und Ausstellungen, Theater, Konzerte oder Opern besuchten. Menschen, die solche Kulturangebote nur ein- oder zweimal pro Jahr wahrnahmen, hatten im Beobachtungszeitraum ein um 14 Prozent niedrigeres Sterberisiko als Menschen, die dies nie taten. Bei denjenigen, die alle paar Monate oder häufiger kulturell aktiv waren, war das Sterberisiko statistisch sogar um 31 Prozent niedriger.

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Lässt sich daraus folgern: Museum statt Medizin? Natürlich nicht. Hier kommt die berühmte Frage nach Henne und Ei ins Spiel. Denn diese Studie war eine Beobachtungsstudie. Menschen, die mit 70 regelmäßig ins Theater und ins Museum gehen, sind möglicherweise von vornherein gesünder. Sie sind mobiler, haben vielleicht mehr Geld und Bildung und verfügen über mehr soziale Kontakte. Statistische Verfahren können viele dieser Unterschiede berücksichtigen – aber niemals alle. Deshalb dürfen wir wissenschaftlich korrekt nicht sagen: Kunst verlängert das Leben um 31 Prozent. Was wir sagen können: regelmäßige kulturelle Teilhabe ist in großen Langzeitdaten mit einer niedrigeren Mortalität verbunden.

Es gibt plausible Mechanismen, die einen Teil dieses Zusammenhangs erklären könnten. Ein Museumsbesuch etwa ist ein erstaunliches Gesamtpaket: Man verlässt die Wohnung, geht ein Stück zu Fuß. Man sieht Neues. Das Gehirn muss interpretieren und lernen. Vielleicht geht man mit einem Freund und diskutiert anschließend darüber. Wir bewegen uns, lernen und begegnen anderen Menschen.

Ein Faktor, den die Medizin unterschätzt

Somit vereint Kunst gleich mehrere Faktoren, die für gesundes Altern interessant sind: kognitive Stimulation, Emotionen, Stressregulation, soziale Teilhabe und häufig auch körperliche Aktivität. Dazu kommt ein Faktor, den die Medizin manchmal unterschätzt – Staunen: Kunst kann unsere Aufmerksamkeit für einen Moment aus dem alltäglichen Gedankenkarussell herausziehen. Das Gehirn bekommt Neues zu tun.

Und vielleicht liegt darin ein Teil der Wirkung von Kunst: Sie unterbricht Gewohnheit, erzeugt Neugier, fordert Interpretation oder löst Emotionen aus. Und manchmal verbindet sie uns mit anderen Menschen.

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Die Informationen ersetzen keine ärztliche Beratung und dürfen daher nicht zur Selbsttherapie verwendet werden.

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Bildrechte: Dr. med. Yael Adler

Quelle: t-online Gesundheit · Originalartikel

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