Anne Carson ist Nobelpreisträgerin in der Kategorie Literatur. Ihr persönlichstes Buch ist einem Mann gewidmet, der 22 Jahre lang vor der Polizei floh – ihrem Bruder.
Frisch gekürte Nobelpreisträgerin Ihr Bruder war 22 Jahre lang auf der Flucht
Anne Carson ist Nobelpreisträgerin in der Kategorie Literatur. Ihr persönlichstes Buch ist einem Mann gewidmet, der 22 Jahre lang vor der Polizei floh – ihrem Bruder.
Die Schwedische Akademie in Stockholm hat die Kanadierin Anne Carson mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet – laut Begründung für ihr "kühnes und erfindungsreiches Werk, das im spielerischen Dialog mit der klassischen Tradition neue Formen für die zeitgenössische Literatur geschaffen hat".
Anne Carson, geboren 1950 in Toronto, ist Altphilologin, Dichterin und Übersetzerin. Sie gilt als notorisch medienscheu. Ihre offizielle Kurzbiografie bestand jahrelang aus einem einzigen Satz: "Anne Carson wurde in Kanada geboren und unterrichtet Altgriechisch, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen."
Eines ihrer Werke ist ungewöhnlich. Es ist kein Buch im üblichen Sinn, sondern ein grauer Kasten, dessen Deckel wie eine Tür mit Schlüsselloch aussieht. Auf der Rückseite steht ein Satz, den Carson selbst geschrieben hat: "Als mein Bruder starb, machte ich ihm einen Grabstein in Form eines Buches. Dies ist eine Nachbildung davon, so genau wie wir es hinbekommen haben." Das Buch mit dem Titel "Nox" erschien 2010.
Die Carsons waren eine "Familie auf Rädern". Der Vater arbeitete bei einer Bank, die ihre Angestellten alle paar Jahre in eine andere Filiale versetzte. Also zogen die Carsons durch die Kleinstädte der Provinz Ontario. Anne vertiefte sich in ihre Bücher. Michael, vier Jahre älter, nahm den raueren Weg, heißt es in einer Buchkritik des "New York Magazine". In der Schule lief es für ihn schlecht, bei seiner Schwester lief es glänzend. Er soll ihr schon in Kindertagen die Spitznamen "Professor" und "Pinhead" gegeben haben.
Irgendwann in den Siebzigern begann Michael, mit Drogen zu handeln. 1978 wurde er verhaftet. Er kam gegen Kaution frei, erschien nicht vor Gericht und verließ Kanada, wie die "New York Times" berichtet. Anne Carson beschrieb die Situation so: "Er rannte 1978 weg, statt ins Gefängnis zu gehen."
Zuvor hatte Michael noch ein paar Tage bei seiner Schwester gewohnt. Sie erinnerte sich später vor allem an die Zigarettenkippen, die er überall hinterließ – auch in der Bratpfanne. Dann war er weg. 22 Jahre lang reiste Michael mit falschen Pässen durch Europa und Indien, nahm andere Namen an, lebte, wie der britische Dichter Andrew Motion es im "Guardian" formulierte, "rau". Er schickte Postkarten ohne Absenderadresse, telefonierte mit seiner Schwester in diesen 22 Jahren nur fünf Mal.
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Im Jahr 2000 klingelte in Anne Carsons Büro dann plötzlich das Telefon. "Er hat mich einfach eines Tages im Büro angerufen", erzählte sie "Publishers Weekly". Michael benutzte ihren alten Spitznamen, heißt es da. Die Frage, mit der er sich nach 22 Jahren zurückmeldete, lautete: "Also, Pinhead, hast du schon Weisheit erlangt?" Dann erzählte er von seinem neuen Wohnort in Kopenhagen, und die beiden schmiedeten einen Plan. Anne würde nach Europa fliegen. "Aber eine Woche bevor ich fahren sollte, bekam ich den Anruf, dass er gestorben war."
Leider erhielt Anne Carson die Nachricht erst zwei Wochen nach dem Tod des Bruders. Dessen Witwe hatte in seinen Papieren keine Telefonnummer der Schwester finden können.
Carson flog trotzdem nach Dänemark. "Ich traf seine Witwe und seinen Hund – aber es war eine völlig andere Reise als die, die ich geplant hatte." In Kopenhagen entstanden dann die Idee für das Trauergedicht "Nox" und der Satz, der das Werk trägt: "Im zigarettenrauchgetränkten Kopenhagen, unter einem weiten, dünnen, sorgenvollen Himmel, während Schwäne das Wasser hinabtreiben, blicke ich lange in die Stummheit meines Bruders."
Ein Grabstein, den man aufklappen kann
Das Buch "Nox" wird in einer grauen Schachtel verkauft. Auch die Art der Gestaltung ist einzigartig. Es handelt sich um ein einziges, dickes Blatt, das akkordeonartig gefaltet ist. Die Kritiker standen dieser Form im Erscheinungsjahr 2010 zunächst ratlos, dann hingerissen gegenüber.
Sam Anderson schrieb im "New York Magazine" den Satz, der die Doppelbödigkeit des Buches am besten fasst: "'Nox' ist ein brillant kuratierter Haufen Fetzen. Es ist Elegie und Meta-Elegie zugleich – ein berührendes Porträt eines toten Bruders und eine Erklärung der Unmöglichkeit, Porträts toter Brüder zu schaffen."
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"Open Letters Monthly" fing die Erfahrung des Auspackens ein: "Nichts kann dich auf 'Nox' vorbereiten, aber der Titel versucht es: Er klingt wie book und box, wie nix und knocks." Man ziehe das Buch aus der Schachtel "wie die Schals, die Zauberer aus Hüten holen".
"Full Stop" nannte die Form einen "ausdehnbaren Fächer der Trauer" und beschrieb, warum das mühsame Durcharbeiten eines einzelnen Gedichts hier nicht akademisch, sondern existenziell ist: Es werde "zur Metapher dafür, wie wir mit Verlust leben – nicht als plötzliches Ereignis, sondern als Praxis, als Daseinszustand".
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Am schönsten hat es vielleicht die Kritikerin Parul Sehgal beschrieben: ein Buch, "so sperrig, dass man es nicht tragen kann, sondern besuchen muss". Ein Grabstein eben.
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bulletin.hds.harvard.edu: "Enlightenment Apologist" (englisch)
nymag.com: "Book Review: Anne Carson’s Nox" (englisch)
parulsehgal.com: "Anne Carson: Evoking the Starry Lad" (englisch)
theguardian.com: "Nox by Anne Carson" (englisch)
publishersweekly.com: "A Classical Poet Redux: PW Profiles Anne Carson" (englisch)
openlettersmonthlyarchive.com: "Nox" (englisch)
full-stop.net: "Nox – Anne Carson" (englisch)
Frisch gekürte Nobelpreisträgerin Ihr Bruder war 22 Jahre lang auf der Flucht
Anne Carson ist Nobelpreisträgerin in der Kategorie Literatur. Ihr persönlichstes Buch ist einem Mann gewidmet, der 22 Jahre lang vor der Polizei floh – ihrem Bruder.
Die Schwedische Akademie in Stockholm hat die Kanadierin Anne Carson mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet – laut Begründung für ihr "kühnes und erfindungsreiches Werk, das im spielerischen Dialog mit der klassischen Tradition neue Formen für die zeitgenössische Literatur geschaffen hat".
Anne Carson, geboren 1950 in Toronto, ist Altphilologin, Dichterin und Übersetzerin. Sie gilt als notorisch medienscheu. Ihre offizielle Kurzbiografie bestand jahrelang aus einem einzigen Satz: "Anne Carson wurde in Kanada geboren und unterrichtet Altgriechisch, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen."
Eines ihrer Werke ist ungewöhnlich. Es ist kein Buch im üblichen Sinn, sondern ein grauer Kasten, dessen Deckel wie eine Tür mit Schlüsselloch aussieht. Auf der Rückseite steht ein Satz, den Carson selbst geschrieben hat: "Als mein Bruder starb, machte ich ihm einen Grabstein in Form eines Buches. Dies ist eine Nachbildung davon, so genau wie wir es hinbekommen haben." Das Buch mit dem Titel "Nox" erschien 2010.
Die Carsons waren eine "Familie auf Rädern". Der Vater arbeitete bei einer Bank, die ihre Angestellten alle paar Jahre in eine andere Filiale versetzte. Also zogen die Carsons durch die Kleinstädte der Provinz Ontario. Anne vertiefte sich in ihre Bücher. Michael, vier Jahre älter, nahm den raueren Weg, heißt es in einer Buchkritik des "New York Magazine". In der Schule lief es für ihn schlecht, bei seiner Schwester lief es glänzend. Er soll ihr schon in Kindertagen die Spitznamen "Professor" und "Pinhead" gegeben haben.
Irgendwann in den Siebzigern begann Michael, mit Drogen zu handeln. 1978 wurde er verhaftet. Er kam gegen Kaution frei, erschien nicht vor Gericht und verließ Kanada, wie die "New York Times" berichtet. Anne Carson beschrieb die Situation so: "Er rannte 1978 weg, statt ins Gefängnis zu gehen."
Zuvor hatte Michael noch ein paar Tage bei seiner Schwester gewohnt. Sie erinnerte sich später vor allem an die Zigarettenkippen, die er überall hinterließ – auch in der Bratpfanne. Dann war er weg. 22 Jahre lang reiste Michael mit falschen Pässen durch Europa und Indien, nahm andere Namen an, lebte, wie der britische Dichter Andrew Motion es im "Guardian" formulierte, "rau". Er schickte Postkarten ohne Absenderadresse, telefonierte mit seiner Schwester in diesen 22 Jahren nur fünf Mal.
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Im Jahr 2000 klingelte in Anne Carsons Büro dann plötzlich das Telefon. "Er hat mich einfach eines Tages im Büro angerufen", erzählte sie "Publishers Weekly". Michael benutzte ihren alten Spitznamen, heißt es da. Die Frage, mit der er sich nach 22 Jahren zurückmeldete, lautete: "Also, Pinhead, hast du schon Weisheit erlangt?" Dann erzählte er von seinem neuen Wohnort in Kopenhagen, und die beiden schmiedeten einen Plan. Anne würde nach Europa fliegen. "Aber eine Woche bevor ich fahren sollte, bekam ich den Anruf, dass er gestorben war."
Leider erhielt Anne Carson die Nachricht erst zwei Wochen nach dem Tod des Bruders. Dessen Witwe hatte in seinen Papieren keine Telefonnummer der Schwester finden können.
Carson flog trotzdem nach Dänemark. "Ich traf seine Witwe und seinen Hund – aber es war eine völlig andere Reise als die, die ich geplant hatte." In Kopenhagen entstanden dann die Idee für das Trauergedicht "Nox" und der Satz, der das Werk trägt: "Im zigarettenrauchgetränkten Kopenhagen, unter einem weiten, dünnen, sorgenvollen Himmel, während Schwäne das Wasser hinabtreiben, blicke ich lange in die Stummheit meines Bruders."
Ein Grabstein, den man aufklappen kann
Das Buch "Nox" wird in einer grauen Schachtel verkauft. Auch die Art der Gestaltung ist einzigartig. Es handelt sich um ein einziges, dickes Blatt, das akkordeonartig gefaltet ist. Die Kritiker standen dieser Form im Erscheinungsjahr 2010 zunächst ratlos, dann hingerissen gegenüber.
Sam Anderson schrieb im "New York Magazine" den Satz, der die Doppelbödigkeit des Buches am besten fasst: "'Nox' ist ein brillant kuratierter Haufen Fetzen. Es ist Elegie und Meta-Elegie zugleich – ein berührendes Porträt eines toten Bruders und eine Erklärung der Unmöglichkeit, Porträts toter Brüder zu schaffen."
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"Full Stop" nannte die Form einen "ausdehnbaren Fächer der Trauer" und beschrieb, warum das mühsame Durcharbeiten eines einzelnen Gedichts hier nicht akademisch, sondern existenziell ist: Es werde "zur Metapher dafür, wie wir mit Verlust leben – nicht als plötzliches Ereignis, sondern als Praxis, als Daseinszustand".
Karure: Vogeldame "Old Blue" rettet ihre Art vor dem Aussterben
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openlettersmonthlyarchive.com: "Nox" (englisch)
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Bildrechte: Dorothea Meadows
Quelle: t-online Leben · Originalartikel












